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Wovon ist der „Chlorgeruch" im Schwimmbad eigentlich ein Zeichen?

Der stechende „Chlorgeruch" und die Augenreizung in einem Schwimmbad stammen nicht, wie die meisten annehmen, von zu viel Chlor, sondern von Chloraminen (gebundenem Chlor). Chloramin entsteht, wenn Chlor sich mit Stickstoffverbindungen aus Schweiß, Urin und Hautrückständen im Wasser verbindet. Die Lösung besteht nicht darin, das Chlor zu reduzieren, sondern mit einer wirksameren Form des Chlors zu desinfizieren und so die Chloraminbildung an der Quelle zu senken.

Wenn man ein Hallenbad betritt, verankert sich der stechende Geruch, der einen empfängt, in den Köpfen der meisten Menschen als „In diesem Becken ist reichlich Chlor.” Die Wahrheit ist beinahe das genaue Gegenteil.

Freies Chlor und gebundenes Chlor

Chlor im Beckenwasser liegt in zwei Zuständen vor:

  • Freies Chlor: das aktive Chlor, das die Desinfektionsarbeit leistet. Das ist es, was man will.
  • Gebundenes Chlor (Chloramin): Verbindungen, die entstehen, wenn Chlor sich mit Stickstoffverunreinigungen im Wasser verbindet (Schweiß, Urin, Hautschuppen, Kosmetika). Ihre Desinfektionsleistung ist gering, doch sie sind für Geruch und Reizung verantwortlich.

Jener vertraute „Schwimmbadgeruch” ist nicht der Geruch von freiem Chlor, sondern von Chloraminen. Sie sind es auch, die in den Augen brennen, die Haut austrocknen und in Hallenbädern die Luftqualität verschlechtern.

Wovon ist der Geruch ein Zeichen?

Eine Chloraminanreicherung ist meist ein Zeichen für zweierlei: eine hohe Verunreinigungsfracht und/oder ein freies Chlor, das nicht ausreicht, um dieser Fracht zu begegnen. Der stechende Geruch bedeutet also meist nicht „zu viel Chlor”, sondern einen Mangel an wirksamem Chlor. Das Chlor weiter zu reduzieren verschlimmert das Problem; die eigentliche Lösung besteht darin, die Desinfektion wirksamer zu machen.

Warum macht hypochlorige Säure einen Unterschied?

Eine Möglichkeit, die Chloraminbildung zu verringern, besteht darin, bei niedrigerem Gesamtchlorgehalt dieselbe Desinfektionsleistung erbringen zu können. Hier kommt die Form des Chlors ins Spiel.

Hypochlorige Säure ist die wirksamste Desinfektionsform des Chlors; bei gleichem Freichlorgehalt zeigt sie eine weitaus höhere biozide Wirksamkeit als Hypochlorit. In der Praxis bedeutet das, das Becken bei niedrigerem Gesamtchlorgehalt wirksam desinfizieren zu können – und weniger Gesamtchlor bedeutet weniger Potenzial für die Chloraminbildung.

Eine Vor-Ort erzeugte Lösung aus hypochloriger Säure mit neutralem pH wird daher im Hallenbadbetrieb bevorzugt, um Geruchs- und Reizungsbeschwerden zu verringern.

Den Chemikalientransport loswerden

Neben dem Chloraminproblem trägt der Bäderbetrieb eine zweite Last: das Transportieren von Hypochlorit-Fässern, das Vorhalten eines Säure-Chlor-Lagers und das Risiko abgelaufener Chemikalien. Die Vor-Ort-Erzeugung beseitigt auch diese Last; der Betriebseinsatz besteht aus nicht mehr als Salz und Strom.

Zusammenfassung

Der stechende Geruch in einem Schwimmbad ist kein Zeichen für „reichlich Desinfektion”, sondern meist ein Zeichen für ein Ungleichgewicht. Der richtige Ansatz besteht nicht darin, vor dem Chlor zu fliehen, sondern mit einer wirksameren Form des Chlors zu desinfizieren, in der richtigen Dosis und mit kontinuierlicher Überwachung.

Die Beckenchemie in Zahlen

Es gibt einen messbaren Grund, warum im Beckenwasser so oft vom pH-Wert die Rede ist.

Das Gleichgewicht, das Chlor im Wasser zwischen hypochloriger Säure und Hypochlorit-Ion einstellt, wird durch eine Dissoziationskonstante beschrieben: pKa ≈ 7,5.1 Der in Schwimmbädern angestrebte Bereich von 7,2–7,6 liegt genau im steilen Abschnitt dieser Kurve — eine kleine pH-Abweichung verschiebt den Anteil des Chlors in der wirksamen Form daher spürbar.

Konkret: Bei pH 7,2 liegen rund zwei Drittel des freien Chlors als wirksame hypochlorige Säure vor. Bei pH 8,0 sinkt der Anteil auf etwa ein Viertel. Das Messbesteck kann in beiden Fällen denselben Wert für „freies Chlor” anzeigen.

Dieselbe Beziehung findet sich in amtlichen Desinfektionstabellen. Die CT-Werte der US-Umweltbehörde EPA zeigen, dass bei 10 °C und 1,0 mg/L freiem Chlor eine 3-log-Inaktivierung 79 mg·min/L bei pH 6 und 162 bei pH 8 erfordert — allein der pH-Wert verdoppelt die nötige Dosis.2

Die Seite der Nebenprodukte

Chloramine stehen nicht allein; die in gechlortem Wasser entstehenden Nebenprodukte sind eine größere Familie. Die Referenzübersicht dieses Feldes zeigt, dass ihre Bildung mit der Dosis des Desinfektionsmittels und seiner Kontaktzeit mit organischem Material zusammenhängt.3

Für den Badbetrieb folgt daraus praktisch: Der Weg zu geringerer Belastung führt nicht über mehr Chlor, sondern über weniger organisches Material, mit dem Chlor reagieren kann — Duschdisziplin, Frischwasserzugabe, Filtration und korrekter pH-Wert — verbunden damit, das dosierte Chlor möglichst in der wirksamen Form zu halten.

Quellen

Die in diesem Beitrag zitierten begutachteten Studien und amtlichen Leitfäden. Jede Angabe wurde anhand des Primärnachweises geprüft.

  1. Fair, G. M., Morris, J. C., Chang, S. L., Weil, I., Burden, R. P. (1948). The Behavior of Chlorine as a Water Disinfectant. Journal AWWA, 40(10), 1051–1061.

    Was diese Quelle belegt: Die grundlegende Arbeit zum HOCl-⇌-OCl⁻-Gleichgewicht im Wasser und zu dessen pH-Abhängigkeit. Die Dissoziationskonstante (pKa ≈ 7,5) erlaubt es zu berechnen, welcher Anteil des freien Chlors tatsächlich in der wirksamen Form vorliegt.

  2. U.S. Environmental Protection Agency (2003). LT1ESWTR Disinfection Profiling and Benchmarking Technical Guidance Manual — Appendix B: CT Tables. EPA Office of Water, EPA 816-R-03-004.

    Was diese Quelle belegt: Die amtlichen CT-Tabellen (Konzentration × Kontaktzeit) für freies Chlor. Bei 10 °C und 1,0 mg/L erfordert eine 3-log-Inaktivierung von Giardia 79 mg·min/L bei pH 6, 162 bei pH 8 und 234 bei pH 9 — die nötige Dosis verdoppelt bis verdreifacht sich allein durch den pH-Wert.

  3. Richardson, S. D., Plewa, M. J., Wagner, E. D., Schoeny, R., DeMarini, D. M. (2007). Occurrence, Genotoxicity, and Carcinogenicity of Regulated and Emerging Disinfection By-Products in Drinking Water: A Review and Roadmap for Research. Mutation Research — Reviews in Mutation Research, 636(1–3), 178–242.

    Was diese Quelle belegt: Die Referenzübersicht zu Desinfektionsnebenprodukten im Trinkwasser. Sie zeigt, dass die Bildung von Nebenprodukten mit Dosis und Kontaktzeit des Desinfektionsmittels mit organischem Material zusammenhängt — weshalb die richtige Dosis am richtigen Punkt eine Frage der Wasserqualität ist, nicht nur der Effizienz.

SSS

Häufig gestellte Fragen

Bedeutet ein Chlorgeruch, dass zu viel Chlor vorhanden ist?

Nein, im Gegenteil. Der stechende Geruch weist meist darauf hin, dass das freie (aktive) Chlor unzureichend ist und sich gebundenes Chlor (Chloramin) angesammelt hat. In einem gut ausbalancierten Becken ist der Chlorgeruch nicht ausgeprägt.

Wie wird die Chloraminbildung verringert?

Wirksame Desinfektion, gute Wasserzirkulation, ausreichende Frischwasserzufuhr und Hygiene der Badegäste verringern allesamt die Chloraminbildung. Eine wirksamere Form des Chlors (hypochlorige Säure) erbringt bei niedrigerem Gesamtchlorgehalt dieselbe Desinfektion und senkt so die Chloraminfracht.

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